Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung statt fahrlässiger Tötung

Vorfahrtsberechtigter Fahrer war nicht angeschnallt und verstirbt noch an der Unfallstelle.

Die Staatsanwaltschaft klagte meinen Mandanten, welcher dem tödlich Verunglückten hätte die Vorfahrt gewähren müssen, wegen fahrlässiger Tötung an.

Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung statt fahrlässiger Tötung?

Die Grenzen zwischen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung können bei Verkehrsunfällen „fließend“ sein.

Die Straftatbestände

Auf den ersten Blick liegt der Unterschied zwischen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung auf der Hand. Im ersten Fall verunglückt der Verletzte tödlich und im zweiten Fall hat der Verunglückte überlebt.

Schon der objektive Tatbestand macht den Unterschied deutlich:

  • Fahrlässige Tötung

Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

  • Fahrlässige Körperverletzung

Wer durch Fahrlässigkeit die Körperverletzung einer anderen Person verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Der Unfallhergang

Mein Mandant wurde der fahrlässigen Tötung bezichtigt und ich hatte u.a. zu prüfen, ob der tödliche Ausgang des Verkehrsunfalles ihm zugerechnet werden konnte. Dies soll an einem aus meiner Praxis stammenden Fall verdeutlicht werden:

Mein Mandant nahm mit seinem Auto einem entgegenkommenden PKW auf einer Landstraße die Vorfahrt. Der Zusammenprall beider Fahrzeuge war so stark, dass der Fahrer des entgegenkommenden PKW noch an der Unfallstelle verstarb.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass der tödlich Verunglückte in seinem Auto zum Unfallzeitpunkt nicht angeschnallt war.

Ein von der Staatsanwaltschaft eingeholtes Unfallrekonstruktionsgutachten ergab, dass für den tödlich Verunglückten der Unfall nicht vermeidbar war, während er jedoch für meinen Mandanten bei Einhaltung der Vorfahrtsregelungen und Beachtung der üblichen Sorgfalt vermeidbar gewesen wäre.

Die Verteidigung

Meine Aufgabe war es u.a. zu prüfen, ob der Verunglückte auch gestorben wäre, wäre er zum Unfallzeitpunkt angeschnallt gewesen.

Alle im Verfahren gehörten Sachverständigen waren sich einig, dass die Verletzungen nicht so schwerwiegend gewesen wären, wäre der Vorfahrtsberechtigte angeschnallt gewesen. Die passiven Rückhaltesysteme erhöhen deutlich die Überlebenschancen eines PKW-Insassen. Ob der vorfahrtsberechtigte Fahrer auch bei benutztem Rückhaltegurt tödlich verunglückt wäre, konnte keiner der Gutachter mit ausreichender Sicherheit angeben. Es war nunmehr meine Aufgabe, das Gericht davon zu überzeugen, dass diese Aussagen nicht für eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung ausreichen, da der Tod des anderen meinem Mandanten nicht zugerechnet werden kann.

Das Urteil

Das Gericht schloss sich im Ergebnis meiner Auffassung an,  wonach der Geschädigte eine große Überlebenschance gehabt hätte, wäre er angeschnallt gewesen.

Der tödliche Ausgang des Unfalles konnte dem Unfallverursacher nicht zugerechnet werden, so dass dieser wegen fahrlässiger Köperverletzung und nicht wegen fahrlässiger Tötung zu verurteilen war. Auf Grund des deutlich geringeren Strafmaßes (siehe oben) wurde mein Mandant lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt.